12.07.2021 HNA - „Klimaschutz braucht mehr Tempo“

12.07.21 von HNA HOF

INTERVIEW Naturschutzbeirat sieht Kommunen und Politik in der Pflicht

Kreis Kassel – Natur- und Klimaschutz ist in aller Munde. Viele erkennen in der Bewältigung des Klimawandels und der Naturzerstörung aktuell die weltweit größte Herausforderung für die Menschheit. Im Dezember 2020 hatte der Naturschutzbeirat des Landkreises Kassel ein Positionspapier veröffentlicht, in dem von den Kommunen mehr Einsatz für den Klimaund Naturschutz gefordert wird. Auf welche Resonanz ist dieser Vorstoß gestoßen? Ein Gespräch mit Dr. Anna Kuntzsch, der Vorsitzenden des Naturschutzbeirats.

Frau Kuntzsch, ihr sieben Seiten starkes Papier listet viele Vorschläge auf, wie dem Klimawandel auf kommunaler Ebene beizukommen ist. Wie waren die Reaktionen?

Wir hatten unsere Forderungen mit rund 200 Mails an sämtliche Landkreis-Kommunen sowie an die Fraktionsvorsitzenden der einzelnen Kommunal-Parlamente gesandt. Die Reaktionen waren bislang eher bescheiden. Von der Kreisversammlung der Bürgermeister im Landkreis Kassel haben wir sogar einen bösen Brief bekommen

Warum?

Wir hatten das Anschreiben zu dem Papier recht scharf formuliert. Das sollte die Dringlichkeit unseres Anliegens unterstreichen. Inzwischen haben wir uns erklärt. Keinesfalls geht es uns darum, Bürgermeister zu verunglimpfen. Es geht uns darum aufzuzeigen, dass dringender Handlungsbedarf besteht, dass aber aktuell auf politischer und kommunaler Ebene noch viel zu wenig passiert. Klimaschutz braucht mehr Tempo.

Aber viele Städte und Gemeinden sind in Sachen Klimaschutz schon aktiv. Als Klima-Kommunen des Landes Hessen haben sie ein Konzept erstellt, wie sie klimaneutral werden wollen. Sie machen sich Gedanken über ein Verbot von Schottergärten und von Pestizideinsatz. Sie passen Bebauungspläne an und legen Förderprogramme für nachhaltige Energieerzeugung auf.

Das ist lobenswert, aber leider zu wenig. Uns rennt die Zeit davon. Wir haben es mit zwei großen Problemen zu tun. Das eine ist, dass nach wie vor viel zu stark auf Kosten geachtet wird. Klima- und Naturschutz werden meist nur dann in Angriff genommen, wenn im Haushalt noch ein paar Euro übrig sind. Dabei ist gerade jetzt jeder in Klimaschutz investierte Euro goldwert. Denn die Folgekosten des Klimawandels werden sonst um ein vielfaches höher und zudem Ewigkeitslasten für unsere Zukunft sein.

Und das andere Problem?

Vieles passiert immer noch in alten Denkmustern und Strukturen. Wenn eine Kommune ein Neubaugebiet haben will, wird sie es immer bekommen. An naturschutzfachlichen Bedenken wird so lange herumgebastelt, bis die Untere Naturschutzbehörde ein Ja geben kann. Oft fußt dieses Ja aber auf einem nicht angemessenen Kompromiss oder einem Vorgehen, das wir uns so eigentlich nicht mehr leisten können.

Ein Beispiel bitte!

In Habichtswald wurde jetzt ein kommunales Waldstück, das allein schon wegen seiner topografischen Lage kaum genutzt wird, in Öko-Punkte umgerechnet, um damit später unter anderem die Erschließung eines geplanten Neubaugebietes zu rechtfertigen. Es wird also auf der grünen Wiese oder dem Acker gebaut und eben kein Ersatz dafür geschaffen, sondern einfach auf das zurückgegriffen, was schon da ist. Mit diesem Handeln laden wir heute eine Generationsschuld auf uns, die später nicht mehr vor den Enkelkindern gerechtfertigt werden kann.

Die Erschließung von Neubaugebieten oder Gewerbegebieten sind wichtige Entwicklungsmöglichkeiten für Kommunen.

Das ist richtig. Nur muss Entwicklung anders laufen. Wir sollten eher Ortskerne wiederbeleben und erst einmal auf Leerstand und Baulücken zurückgreifen statt immer neue Einfamilienhäuser am Ortsrand zu bauen. Wir müssen die Ressource Boden schützen. Die nächste Generation benötigt auch noch Landwirtschaft und Biodiversität. Das gleiche gilt für Verkehrsflächen und Gewerbegebiete.

Der Zweckverband hat jüngst neue ökologische Standards festgelegt, wenn es um die Erschließung neuer Gewerbegebiete geht.

Ja, das steht alles auf dem Papier. Aber vermutlich werden Unternehmen dann wieder mit Wirtschaftlichkeit argumentieren und am Ende gesteckte Ziele aushöhlen. Das ist alles zu vage und angesichts des Klimawandels zu unsicher. Wir müssen jetzt den Wandel hinbekommen. Im Übrigen hätten diese Öko- Standards schon längst Pflicht sein müssen. Beispiel Güterverkehrszentrum oder das Gewerbegebiet Langes Feld in Kassel – da sind überall riesige Dachflächen, die weder für PV-Anlagen genutzt werden noch begrünt sind. Dabei wissen wir schon seit Jahrzehnten um das Klimaproblem.

Klima- und Naturschutz sind eine Seite. Die andere Seite sind politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Interessen. Wird das alles unter einen Hut zu bekommen sein?

Ja, ich hoffe es sehr, jedoch klappt das nicht über die gewohnten Denk- und Handlungsmuster. An dieser Stelle werden wir Abstriche machen müssen. Der ganze ökologische Umbau der Gesellschaft mit Klima- und Naturschutz, mit Energie-, Agrarund Verkehrswende ist ja längst keine Frage mehr des Ob, sondern des Wie. Und an dieser Stelle müssen insbesondere die Politik und die Wirtschaft mutig genug sein, neue Wege zu gehen. Die Alten haben uns ja gerade dahin geführt, wo wir jetzt sind.

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